Ablauf der Autismus-Diagnostik – was Sie erwartet
Klarheit über den Prozess baut Unsicherheit ab. Schritt für Schritt – von der ersten Anfrage bis zum schriftlichen Befundbericht.
Kostenloses Erstgespräch (ca. 20 Min.)
Wir lernen uns kennen. Sie schildern kurz, was Sie zur Abklärung bewegt. Ich erkläre den Prozess und beantworte Ihre Fragen. Am Ende entscheiden Sie, ob Sie fortfahren möchten.
Das Gespräch ist per Video, dauert etwa 20 Minuten und ist vollständig kostenlos und unverbindlich. Es findet in Ihrem eigenen Tempo und ohne Erwartungsdruck statt.
Selbstbeurteilungsfragebögen
Sie erhalten per E-Mail einen Zugang zu validierten Fragebögen. Diese füllen Sie in Ihrem eigenen Tempo aus – ohne Zeitdruck, von zu Hause.
Typische Instrumente (je nach Situation individuell ausgewählt):
- →RAADS-R (Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale – Revised) – umfangreichster Selbstbeurteilungsbogen für Autismus bei Erwachsenen
- →AQ-27 / AQ-50 (Autism-Spectrum Quotient) – breites Screening-Instrument
- →CAT-Q (Camouflaging Autistic Traits Questionnaire) – erfasst Masking-Verhalten
- →SRS-2 (Social Responsiveness Scale) – soziale Responsivität
- →AAA (Adult Asperger Assessment) – klinisches Hilfsinstrument
Strukturiertes klinisches Interview (60–90 Min.)
Das Kernstück der Diagnostik. In einem ausführlichen Video-Gespräch gehen wir die ICD-11-Kriterien systematisch durch: soziale Kommunikation, repetitive Verhaltensmuster, Kindheitsgeschichte, aktuelle Lebensumstände, Komorbiditäten.
Das Gespräch ist offen, respektvoll und nicht wertend. Sie müssen nichts beweisen – meine Aufgabe ist es, zuzuhören, zu beobachten und einzuordnen.
Schriftlicher Befundbericht
Sie erhalten einen ausführlichen schriftlichen Befundbericht mit ICD-11-Kodierung, Erläuterung der eingesetzten Verfahren, Ergebnissen der Fragebögen und konkreten Empfehlungen für nächste Schritte (Nachteilsausgleich, Beratung, Therapie, etc.).
Der Bericht wird von Arbeitgebern, Sozialbehörden, Krankenkassen und Reha-Trägern als Grundlage für weitere Maßnahmen anerkannt.
Warum der ADOS kein Pflichtinstrument ist
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der ADOS (Autism Diagnostic Observation Schedule) manchmal als „der eine Test", den man für eine Autismus-Diagnose braucht. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis – mit realen Folgen: Menschen suchen jahrelang nach Anbietern mit ADOS und erhalten so keine oder verspätete Diagnosen.
Was die ICD-11 tatsächlich sagt
Die Internationale Klassifikation der Krankheiten, 11. Revision (ICD-11) definiert Autismus-Spektrum-Störung (6A02) ausschließlich anhand von Verhaltensmerkmalen in zwei Kernbereichen: soziale Kommunikation / Interaktion sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster. Kein spezifisches Testverfahren, kein bestimmtes Instrument ist vorgeschrieben. Die ICD-11 legt das WAS fest – nicht das WIE.
Was die deutsche S3-Leitlinie sagt
Die AWMF-Leitlinie 028/047 (Autismus-Spektrum-Störungen) empfiehlt einen multimodalen diagnostischen Ansatz: Anamnese, Verhaltensbeobachtung, Selbstbeurteilungsfragebögen und ein strukturiertes klinisches Interview. Der ADOS ist als ein mögliches Instrument erwähnt – nicht als Pflicht. Die Leitlinie betont ausdrücklich, dass kein einzelnes Instrument allein diagnostisch ausreicht.
Wo der ADOS an Grenzen stößt
Der ADOS-2 ist ein wertvolles klinisches Werkzeug – besonders bei Kindern und in Kombination mit anderen Instrumenten. Bei Erwachsenen, insbesondere bei Personen mit ausgeprägtem Masking-Verhalten, hat er jedoch dokumentierte Schwächen:
- ⚠Hull et al. (2017): Autistische Frauen berichten signifikant höheren Aufwand für soziales Masking. In Beobachtungssituationen wie dem ADOS wirken sie oft unauffällig, obwohl der Alltag erhebliche Einschränkungen zeigt.
- ⚠Lai et al. (2017): Camouflage-Verhalten führt dazu, dass ADOS-basierte Scores die tatsächliche Ausprägung systematisch unterschätzen, besonders bei Frauen.
- ⚠ADOS-2 Modul 4 ist für verbal kompetente Erwachsene ausgelegt – erfasst jedoch keine retrospektive Kindheitsentwicklung, was für die ICD-11-Diagnose essenziell ist.
- ⚠Fehlende Standardisierung für wichtige Subgruppen (hochmaskierende Frauen, Late-Diagnose-Erwachsene, AuDHD-Profil).
Valide Alternativen zum ADOS
Eine fundierte Diagnostik ohne ADOS ist möglich und in vielen Fällen angemessener. Die eingesetzten Instrumente werden individuell kombiniert:
RAADS-R
Der umfangreichste validierte Selbstbeurteilungsbogen für Autismus bei Erwachsenen. Hohe Sensitivität, auch bei Masking.
AQ-27 / AQ-50
Gut validiertes Screening-Instrument. Besonders nützlich als Eingangsinstrument und für Längsschnittvergleiche.
CAT-Q
Erfasst gezielt Camouflage- und Masking-Strategien. Besonders relevant für Frauen und Spätdiagnosen.
SRS-2
Social Responsiveness Scale – Beurteilung sozialer Reaktivität. Kann auch als Fremdbeurteilung eingesetzt werden.
AAA
Adult Asperger Assessment – strukturiertes klinisches Interview speziell für Erwachsene.
Klinisches Interview
Strukturiertes, an ICD-11-Kriterien orientiertes Gespräch – das unverzichtbare Kernelement jeder Diagnostik.
Fazit: Eine Autismus-Diagnose ohne ADOS ist wissenschaftlich legitim, methodisch solide und in vielen Fällen für Erwachsene mit Masking-Profil sogar zuverlässiger. Die Aussage „ohne ADOS keine echte Diagnose" ist sachlich falsch und schadet denjenigen, die sonst gar keinen Zugang zu Diagnostik finden.
Zeitlicher Ablauf
Gesamtdauer in der Regel 4–6 Wochen. Das ist deutlich schneller als öffentliche Wartelisten (oft 12–24 Monate).
Von David Beck
Psychologe · zuletzt geprüft Juni 2026