Von David Beck
Psychologe · zuletzt geprüft Juni 2026
Was „Asperger" war
Das Asperger-Syndrom wurde 1994 ins DSM-IV aufgenommen und beschrieb autistische Personen ohne kognitive Einschränkungen oder sprachliche Entwicklungsverzögerung. Hans Asperger, nach dem das Syndrom benannt wurde, beschrieb erstmals 1944 Jungen mit diesen Eigenschaften. Lorna Wing wiederentdeckte und popularisierte die Arbeit 1981.
Wichtiger historischer Kontext: Spätere Recherchen (Herwig Czech, 2018) belegten, dass Hans Asperger aktiv an der nationalsozialistischen „Kindereuthanasie" beteiligt war. Viele autistische Menschen und Forscher berücksichtigen das in ihrer Haltung zum Begriff.
Warum die Kategorie aufgelöst wurde
Das DSM-5 (2013) führte alle Autismus-Unterformen unter „Autismus-Spektrum-Störung" (ASD) zusammen. Die ICD-11 (2022) folgte mit dem Code 6A02.
Der Grund: Empirisch konnte nie eine klare Grenze zwischen „Asperger" und „hochfunktionalem Autismus" gezogen werden. Dieselbe Person bekam je nach Kliniker mal die eine, mal die andere Diagnose – das sprach gegen zwei eigenständige Kategorien.
Was das für Betroffene bedeutet
Ich habe eine Asperger-Diagnose. Ist sie noch gültig?
Ja. Eine nach DSM-IV oder ICD-10 gestellte Asperger-Diagnose verliert nicht ihre Gültigkeit. Sie entspricht nach aktueller Nomenklatur einer Autismus-Spektrum-Störung. Für rechtliche Zwecke sollte die Diagnose ggf. auf ICD-11 aktualisiert werden.
Sage ich jetzt „autistisch" statt „Asperger"?
Das ist eine persönliche Entscheidung. Viele bezeichnen sich weiterhin als „Aspie" – das ist völlig valide. Andere bevorzugen die neuere Terminologie. Es gibt kein Richtig oder Falsch.
Ändert sich etwas an meiner Unterstützung?
Nicht direkt. Entscheidend sind die dokumentierten funktionalen Einschränkungen im Alltag – unabhängig davon, ob die Diagnose „Asperger" oder „Autismus-Spektrum-Störung" heißt.
Typische Merkmale – früher „Asperger", heute ASS
- →Normale bis hohe Sprachentwicklung in der Kindheit
- →Intensive, detaillierte Spezialinteressen
- →Präferenz für klare Regeln, Strukturen und Fakten
- →Direkter, wörtlicher Kommunikationsstil
- →Blickkontakt bewusst erlernt oder als unangenehm empfunden
- →Soziale Erschöpfung trotz scheinbar funktionierender sozialer Oberfläche
- →Häufig: hohes Masking-Niveau über viele Jahre
Bei mir wird nach ICD-11-Kriterien diagnostiziert. Eine frühere Asperger-Diagnose nehme ich als wichtige Vorinformation. Manchmal macht es Sinn, sie zu aktualisieren – etwa für einen aktuellen Bericht für rechtliche Zwecke oder um Komorbidität besser zu erfassen.